Lernen aus einem Fehlalarm
Es war Dienstag nach Ostern 2026. Nach meiner Erinnerung kurz vor 18 Uhr. Keine volle Stunde, mitten im Zeitverlauf. Plötzlich ertönt ein Signal der Sirene, die sich nahe meiner Wohnung befindet. Dieses Signal musste ich zumindest für mich erstmal einordnen. Es handelte sich nicht um das unterstützende Signal zur Alarmierung der Feuerwehren, welches ja immer mal wieder zu hören ist. Es war der ständig an- und abschwellende einminütige Heulton.
Als Bürgermeister und damit Dienstherr der Feuerwehren der Gemeinde Sibbesse bin ich selbstverständlich auch zusätzlich an die Handyalarmierung angeschlossen. Dort blieb hingegen alles ruhig. Keine Meldung über einen Einsatz oder Sonstiges. Meine einzige Information war der Heulton der Sirene.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe definiert diesen Heulton so:
“Es besteht Gefahr - Informieren Sie sich!”
Das tat ich. Auf dem Handy checkte ich Nachrichten-Apps, die wichtigen Apps zur Warnung der Bevölkerung wie “NINA” und “Katwarn”, sowie die Warnapp des Landkreises Hildesheim, “BiWapp”.
Ergebnis: Keine Meldung, keine Information zu diesem Heulton und der Botschaft, die damit ggf. an die Bevölkerung transportiert werden soll.
Wenige Minuten später meldete sich wieder die nahe Sirene mit einem einminütigen Dauerton, der die Bedeutung hat, “Entwarnung”.
Was war hier los?
Wir konnten es einen Tag später in Onlinemeldungen der Lokalzeitungen und zwei Tage später in den gedruckten Ausgaben lesen: Es war ein Fehlalarm und in den Zeitungen wurde beschrieben, wie es dazu kam.
Allerdings hatten wir an diesem Tag eine weltpolitische Gesamtgemengenlage, die Grund zur Sorge gab: Der Präsident der USA drohte wenige Stunden vorher dem Iran beim Verstreichen lassen eines Ultimatums mit nicht weniger als dem “Auslöschen einer Zivilisation”. Die Welt war in Aufruhr. Was bedeutet diese Aussage inhaltlich konkret und welche Gegenreaktionen wären denkbar, die auch Europa hätten betreffen können?
Nach diesem Fehlalarm berichteten mir einige Menschen, sie waren deshalb sehr in Sorge.
Ein Fehlalarm zu diesem Zeitpunkt im Weltgeschehen war ein höchst unglückliches Zusammentreffen.
Klar, das darf bei so einer wichtigen Angelegenheit wie der unverzüglichen Warnung der gesamten Bevölkerung im Landkreis nicht passieren. Dennoch kritisiere ich etwas anderes, denn durch diesen hoffentlich einmaligen Vorgang erkennen wir auch, wie wichtig das Thema Bevölkerungsschutz ist.
Fehler passieren. In der Vergangenheit, jetzt und wohl auch in Zukunft.
Gleich am Folgetag habe ich mit geeigneten Stellen in dieser Sache telefoniert, aber etwas ganz anderes kritisiert:
Die aus meiner Sicht völlig unzureichende Information darüber, dass es sich um einen Fehlalarm handelte. Aus offizieller Quelle habe auch ich als Bürgermeister nichts darüber erfahren. Und die, um die es in erster Linie geht, die Bevölkerung, eben auch nicht. Wenn es etwas Offizielles als Information gab, ging es trotz meiner Aufmerksamkeit an mir vorbei. Und wenn es an mir vorbeigeht, geht es womöglich an vielen anderen auch vorbei. Ich denke, da war aber nichts.
Flurfunk machte sich mal wieder breit. Und das ist generell garnicht gut.
Es liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen, sich von Algorithmen der großen Tech-Konzerne unabhängig zu machen und wie für diesen Fall wirklich wichtig, sich eine der oben genannten Warn-Apps zu installieren.
Dass der Fehlalarm stattfand, ist das Eine. Dass aber danach nicht über mindestens BiWapp informiert wurde, dass kein Grund zur Sorge besteht und es sich um einen Fehlalarm handelt, dass ist mein Kritikpunkt. Ja, es wurde per Sirene entwarnt. Dennoch sehe ich hier einen weiteren Informationsbedarf.
Die drastische Folge könnte sein, dass Warnsignale über die Sirenen durch die Bevölkerung weniger ernst genommen werden. Angesichts der Lage in existenziell wichtigen Angelegenheiten wie Klimawandel und der weltpolitischen Großlage ein Umstand, den wir unbedingt vermeiden müssen!
Ich sehe dennoch etwas Positives dabei!
Der Vorgang birgt Chancen in sich. Und das hat für mich mehr Gewicht als anzubringende Kritikpunkte. Blicken wir also konstruktiv nach vorn:
Update und Einschub vom 10.04.2026, einen Tag nach Veröffentlichung dieses Artikels:
Nach meiner Kenntnis haben über 100 hochengagierte Feuerwehrleute und weitere Rettungskräfte am eigentlichen Großeinsatzort, durch dessen Organsiation der Fehlalarm versehentlich ausgelöst wurde, erstklassige Arbeit geleistet und ein noch viel größerer Schaden wurde verhindert. Diese am Ende gute Botschaft hat wesentlich mehr Bedeutung, als ein bedauerlicherweise ausgelöster Fehlalarm.
Der Fehlalarm zeigte Schwachstellen auf. Dass diese so entdeckt werden konnten, ist gut so. Jede IT-Firma wird froh sein, wenn Schwachstellen in ihren Systemen entdeckt werden, so dass sie geschlossen werden können.
Und so sollten auch für unseren Fall Lerneffekte entstehen. Bei uns allen.
Bei der Leitstelle, wo der Fehlalarm ausgelöst wurde.
Bei den zuständigen Kommunikationsstellen, die sich hier verbessern müssen.
Aber vielleicht auch bei der Bevölkerung, die überprüfen sollte, ob sie Warn-Apps auf dem Handy funktionsfähig installiert hat und ob sie Sirenensignale einordnen und anschließend die richtigen Maßnahmen treffen kann.
Es klingelt niemand an tausenden Haustüren und erklärt in Einzelgesprächen, was zu tun ist. Wer hier eigenverantwortlich vorsorgt, ist auf dem richtigen Weg. Wer zusätzlich denen hilft, die Eigenvorsorge nicht mehr leisten können, machts umso besser.
Selbstverantwortung ist ein Stichwort, was schonungslos ausgesprochen werden muss.
Ältere unter uns werden sich erinnern: Zum Zeitpunkt des kalten Krieges war die Deutung von Sirenensignalen Lernstoff in den Schulen. Nach Eintritt eines weltpolitischen Wandels ab 1989/1990 hatten solche Dinge wie Bevölkerungsschutz offenbar eine andere Bedeutung, es wurde zumindest anders damit umgegangen.
Klimawandel und weltpolitische Entwicklungen geben aus meiner Sicht aber Anlass, sich vorzubereiten. Auf Denkbares. Nicht aus Gründen, die zu Panik führen müssen. Aber um das bessere Gefühl zu bekommen, besser vorbereitet zu sein.
Mir ist dieses Thema Bevölkerungsschutz wirklich wichtig!
Wie Sie wissen, war ich vor längerer Zeit Polizeibeamter im Bundesgrenzschutz, der heutigen Bundespolizei. Ich war kein Feuerwehrmann und kein Soldat. Aber der Sinn für Bevölkerungsschutz ist irgendwie in einer damals altersbedingt prägenden Lebensphase Teil meiner DNA geworden.
Ich werde mit Schwerpunkt daran arbeiten, dass wir in der Gemeinde Sibbesse immer wieder überprüfen, ob wir systhemische Schwachstellen haben. Ziel ist dabei nicht das Schönreden von Umständen. Vielmehr das Erkennen von Potenzial, wo wir vielleicht noch besser werden können als wir es allerdings in vielen Bereichen des Bevölkerungsschutzes ohnehin schon sind.
Wir alle hier in der Gemeinde können stolz und dankbar sein auf unsere ehrenamtlichen Feuerwehrleute. Die jüngsten schwerwiegenden Einsätze haben wiederholt gezeigt, mit welcher enormer Einsatzbereitschaft und Qualität unsere Freiwilligen uns hier beschützen.
Das Thema Hochwasserschutz über die Eigenverantwortung des Einzelnen hinaus ist ein Thema, was mich angesichts elend langer und bald nicht mehr zu erklärender vorgeschriebener Verfahrenswege absolut unzufrieden macht. Auch wenn die Betroffenen es optisch nicht sehen können, hinter den Kulissen wird auf Planungsebene intensiv gearbeitet. Und sie können sich darauf verlassen, es bewegt sich in dieser Ebene auch was. Die “Geschwindigkeit” des komplexen Prozesses mit vielen beteiligten Stellen ist unbestritten unbefriedigend, und da bin ich ganz bei Ihnen.
Beim Bevölkerungsschutz geht es mir nicht ausschließlich um Beschaffungen und Investitionen. Wir haben auch in Sibbesse die Lebensrealität, dass wir uns nur im Bereich des von uns Leistbaren bewegen können.
Sehr wichtiges Element des Bevölkerungsschutzes ist deshalb auch der Bereich Organisation. An wen kann sich die Bevölkerung bei welchem Ereignis wenden? Ist die Organisation von Sammelorten gewährleistet? Energieversorgung. Kommunikation mit der Bevölkerung, usw.
Dies alles ist bei uns bereits durchdacht. Dennoch müssen wir immer wieder überprüfen, ob es stets zeitgemäß ist oder aus anderen Gründen verbessert werden kann. Folglich kann man nie fertig sein. Der Prozess ist immer fortlaufend und damit aktuell.
Der Katastrophenschutz wird federführend nicht von der Gemeinde, sondern vom Landkreis organisiert. Als Gemeinde sollten wir innerhalb des Systems aber immer wieder überprüfen, ob wir unsererseits alles für funktionierende Abläufe beigetragen haben. Sowohl die Gemeindeverwaltung und ihre Einrichtungen als auch die Bevölkerung der Gemeinde.
Bevölkerungsschutz ist also in Teilen etwas, was man zwar vom Staat geliefert bekommt.
In Teilen!
Ein Teil, und das gehört eben auch zur Wahrheit, ist die Eigenvorsorge für grundsätzliche Umstände.
Meine dringenden Empfehlungen an Sie:
- Laden Sie sich die Warn-Apps “BiWapp”, “Nina” und “Katwarn” auf ihr Handy.
- Die Gemeinde Sibbesse wird während eines Krisenfalls zur Kommunikation mit der Bevölkerung unserer Gemeinde im Schwerpunkt die kostenlose App “StadtLand.Funk” nutzen. Bitte laden Sie sich auch diese aufs Handy und legen sich einen Account für den Einzugsbereich Sibbesse an (ist ganz einfach).
- Besorgen Sie sich die kostenlose Broschüre “Vorsorgen für Krisen und Katastrophen” des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Sie bekommen Sie bei uns im Rathaus im Prospektständer im Flur. Und wenn sie da gerade mal vergriffen ist, fragen Sie rechts im Büro nach. Für den Fall von Stromausfällen ist diese gedruckte Broschüre besser als sich auf eine Internetverbindung zu verlassen.
Wir alle zusammen, staatliche und kommunale Stellen sowie Sie als Bevölkerung können unsere Resilienz für Krisen und Katastrophen gemeinschaftlich erheblich stärken. Wenn wir Bereitschaft zur Eigenvorsorge und Zusammenspiel mit staatlichen Stellen zeigen.
Dieses Zusammenspiel führt dazu, dass wir uns in der Gemeinde Sibbesse sicherer und besser vorbereitet fühlen können. Uns vereint die Hoffnung, dass dies nie abgerufen werden muss.