Dieses winzige Schlüsselerlebnis veränderte mein Leben fundamental und für immer!
Immer mal wieder schreibe ich hier auch über Angelegenheiten, die privat sind. Manche Dinge aus meinem Privatleben, nicht nur persönliche Stärken, möchte ich aber mit Ihnen teilen. Warum? Weil es vielleicht ja auch interessant sein kann für manche Leserinnen und Leser. Wenn Sie in meiner Übersicht aller Blogbeiträge "Köhlers Klartext" in der Schlagwortsuche nach "Privates" suchen, dann finden Sie die bisher veröffentlichen Beiträge.
Heute kommt erstmals ein Beitrag aus meiner sportlichen Vergangenheit, die viele Jahre mein Leben, privat und beruflich, prägte.
Wie viele von Ihnen wissen, war ich früher über sehr viele Jahre ein ganz passabler Ausdauersportler. Ich war Langstreckenläufer und in den 90ern auch Triathlet. Langdistanz. Manche von Ihnen kennen den Begriff „Ironman“. In einer davon abgewandelten und in den 90ern sehr populären Sportart Duathlon brachte ich es bis zur Qualifikation zur Teilnahme an den Weltmeisterschaften. Langdistanz. 1999 war ich im schweizerischen Zofingen am Start der WM. Im Ziel völlig unter „Ferner liefen“, weit hinten, aber das war mir egal. Ich war in meiner Altersklasse qualifiziert bei einer Weltmeisterschaft. Wow!
Aber Laufen, das wirklich sehr lange Laufen, war meine Stärke. Mit 15 Jahren lief ich das erste Mal die Marathonstrecke (42,195 km) und schaffte es als Jugendlicher in die Top 10 der damals noch geführten deutschen Bestenliste meiner Altersklasse.
42,2 km reichten mir aber nicht. Was bin ich generell in der Lage zu schaffen? Das war die Frage, die mich als jungen Mann, der sich ausprobieren und finden wollte, fundamental antrieb.
In den 2000er Jahren startete ich einige Male sehr erfolgreich über die gewaltige Laufdistanz von 100 Meilen. Das sind etwa 161 km. Wir reden hier von laufen, nicht von wandern. Also 100 Meilen laufen am Stück. Laufen. Ich bevorzugte Bergstrecken. Trail-Läufe. Tausende von Höhenmetern während dieser Distanz. In den 2000er Jahren gehörte ich in Norddeutschland definitiv zu den Besten auf solchen unfassbaren Strecken.
Und wo war nun mein spannendes Schlüsselerlebnis, welches meine Sicht auf meine Lebensführung bis heute so radikal veränderte?
Haben Sie Geduld, ein wenig Hintergrund-Info brauchen Sie noch, um es als Schlüsselerlebnis begreifen zu können ….
Es war im Frühjahr 2004. Ich startete das erste Mal über 100 Meilen Trail. Bei einem Lauf, der im beschaulichen Dorf Landwehrhagen im Südzipfel Niedersachens, nicht weit von Kassel, seinen Austragungsort fand. Wir liefen in den Kasseler Bergen. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Langsame Läufer noch einen weiteren Tag. Rund 4000 Höhenmeter waren aufsummiert zu bewältigen.
Das Bild zeigt mich 2004 im Alter von 34 Jahren nach 75 gelaufen km am Weserstein in Hannoversch Münden. Da bin ich noch relativ fit. 😊
Aber später änderte sich das...
Sie können mir glauben, wenn Sie 100 Meilen am Stück laufen, joggen, rennen und das so schnell Sie können, dann kommt auch ein maximal hochtrainierter Top-Sportler stets an seine substanziellen Grenzen des menschlich Machbaren.
Das eigene seelische Innerste ist nach außen gekehrt. Machen Sie hier gern eine Denkpause und versuchen Sie sich das bildlich vorzustellen, wenn das seelisch Innere eines Menschen nach außen gekehrt ist…
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Die Selbsterfahrung, die ein Mensch an der elementaren Grenze seiner Gesamtleistungsfähigkeit erlebt, kann man mit absolut nichts im Leben vergleichen. Man ist auf das Management der Grundfunktionen des körperlichen und seelischen Seins reduziert und fokussiert. Leben unplugged.
Sie wollen nun endlich mein Schlüsselerlebnis erfahren? Jetzt kommts:
Bei diesem Lauf 2004, meinem Ersten dieser Ultradistanz, führte ich jenseits der 100 km die Spitzengruppe an.
Wir waren nach 100 km, also noch etwa 61 km zu Fuß vor uns, zu dritt an der Spitze des Rennens. Die beiden anderen neben mir waren für Insider Lauflegenden. Sie liefen nicht nur 100 Meilen, sondern hatten im Laufschritt bereits ganze Kontinente durchquert. Definitiv waren die beiden die besseren Läufer als ich.
Aber ich war von uns in den nächtlichen stockdunklen Kasseler Bergen im Wald der bessere Orientierer. Und deshalb führte ich die Gruppe an. Die beiden sorgten für das Lauftempo der Gruppe, ich sagte wo es lang geht. Verbreitete GPS-Geräte mit verlässlicher Qualität gab es damals noch nicht. Wir liefen nach Wegmarkierungen und Landkarte. Danach den Weg zu finden war meine Aufgabe und die beiden Lauflegenden verließen sich auf den jungen Hansi aus Sibbesse.
Es war nach etwa 153 von 161 km. Relativ kurz vorm Ziel. Nachts irgendwie nach Mitternacht. Dunkel im Wald der Kasseler Berge. Das Bild ist nur ein Beispielfoto um zu visualisieren, wie es damals war.
Es fing leicht an zu regnen. Ungemütlich. Kalt. Zumindest ich hatte nichts mehr zu trinken und musste die letzten Kilometer irgendwie durchhalten ohne Wasser. In einem solchen Zustand unter maximaler sportlicher Belastung haben Sie nicht nur Durst. Sie spüren, dass sich Ihr Köper innerlich irgendwie versteift. Nicht nur die Muskeln. Ihr Körper von innen. Er signalisiert Ihnen, „Mach das nicht. Trinke, oder höre auf. Wenn du das nicht befolgst, kollabiere ich“.
Wir waren völlig im Eimer. So richtig im Eimer. Wir waren an der Grenze dessen, was körperlich und mental möglich war. Unser seelisch Innerstes war nach Außen gekehrt. Siehe oben.
Haben Sie in Ihrer Visualisierung dessen, was damals stattfand immer im Kopf: Wir bewältigten nicht „nur“ die Strecke von 100 Meilen zu Fuß, was allein schon höchst grenzwertig ist. Wir rannten vorn am Limit. Es ging um den Gesamtsieg.
In unserer Gruppendynamik hatte ich die Aufgabe und die Verantwortung für die Orientierung. In diesem Zustand, an dem wir einige Kilometer vorm Ziel so absolut „auf links gezogen“ waren, stellte ich fest, dass ich mich in der Navigation geirrt hatte und nicht nur mich, sondern uns drei über einige Kilometer falsch geleitet hatte. In einem körperlichen Zustand, in dem jeder Meter zählt.
Wir steckten völlig kaputt, ohne Wasser, im stockdunklen Wald, einige km falsch, irgendwo in der Sch…. .
Seelisch war diese Erkenntnis in unserem Zustand für uns alle eine Katastrophe.
Schuldzuweisungen? Fragen nach „wie konnte das passieren?“ Allgemeines jammern? Fluchen? Danach suchen, wer zur Verantwortung zu ziehen ist?
Also das, was wir in „der Zivilisation“ in unserem allgemeinen Lebensalltag in solchen Fällen von Fehlern allgemein erleben?
Nichts dergleichen! Uns allen war klar, wir müssen jetzt schnellstmöglich das Ziel erreichen. Wärme, Wasser, Nahrung, ausruhen. Nothing else matters. Nichts anderes zählt. Es zählt einfach nicht, wer oder was Schuld ist, was man hätte besser machen können usw.
Es ist jetzt ausschließlich erforderlich, wieder die Orientierung zu finden und den richtigen Weg zum Ziel einzuschlagen. Alles andere ist nicht zielführend. Nur das bringt die Erlösung aus unserer Lage. Und das war dringend.
Was machten die beiden Lauflegenden? Obwohl ich es war, der unsere Führungsgruppe kurz vorm Ziel fehlgeleitet hatte, wussten die beiden, dass dennoch ich es war, der die grundsätzlich bessere Orientierung hatte. Und sie verließen sich wieder auf mich, uns alle hier wieder raus zu führen.
Es gelang mir. Direkt fokussiert, hoch konzentriert. Wenige Kilometer vorm Ziel konnte ich unsere Gruppe wieder auf den richtigen Weg führen. Meine beiden Mitläufer hatten keine Zweifel, dass mir das gelingen würde, obwohl ich es war, der vorher den Fehler machte.
Wir haben es geschafft. Als Schicksalsgemeinschaft kamen wir zu dritt gemeinsam als Erste ins Ziel. Gut 20 Stunden Laufzeit auf diesem schweren Verlauf der gigantisch langen Strecke.
Diese Erfahrung nach 153 km veränderte meinen Umgang mit Krisensituationen vollkommen!
Welche Erfahrung?
Wir alle scheitern mal. Mindestens im Kleinen. So wie ich damals nachts in den Kasseler Bergen. Und das damals mit Verantwortung auch für andere. Vielleicht krachen manche von uns sogar ihre komplette Lebensführung vor die Wand.
Der Umgang damit macht aber den Unterschied aus!
In so einer Situation hat nichts anderes Priorität als die Befreiung aus der Lage. Nichts ist wichtiger als wieder auf den Weg zu kommen und das Ziel zu erreichen. Alles andere verschwendet Ressourcen.
So wie wir damals in dieser Lage, als wir unterkühlt nachts im Wald und ohne Wasser nach 153 km die Orientierung verloren.
Wir fokussierten uns und orientierten uns neu. Mit ausschließlichem Blick nach vorn und nicht zurück. Wir konzentrierten uns nur auf das, worauf es in dieser Lage ankam und verschwendeten keine Energie an irgendetwas, was uns nicht ans Ziel geführt hätte.
Ich lernte in dieser Nacht in den Kasseler Bergen im Zustand totaler Erschöpfung fürs Leben.